Thema AD(H)S – Mythen und Halbwahrheiten

Gibt es AD(H)S wirklich und was hilft?

Es gibt nur wenige Krankheitsbilder, die ähnliche Diskussionen auslösen. Kein Mensch würde auf die Idee kommen, sich bei Schlaganfall oder Tinnitus in eine solche von Emotionen geprägte Kontroverse zu begeben.

Hier habe ich zu häufigen Thesen bezüglich ADHS einige Informationen zusammengestellt.

„ADHS gibt es gar nicht!“

Das ist in der Tat eine schwierige Aussage. Gibt es Depressionen? Gibt es Burn-out?

ADHS steht als Abkürzung für Aufmerksamkeitsdefizit- / Hyperaktivitätsstörung und bezeichnet eine Verhaltensstörung von Kindern, Jugendlichen oder Erwachsenen, die vor allem drei große Bereiche umfasst.

  • Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen,
  • Impulsivität und
  • ausgeprägte körperliche Unruhe (Hyperaktivität)

Es gibt auch aber die Variante ohne Hyperaktivität. Dann spricht man von ADS.

AD(H)S tritt bei rund 5% aller Kinder und Jugendlichen auf. Bei Jungen häufiger als bei Mädchen. Überlicherweise wird eine AD(H)S im Vorschul- oder Grundschulalter diagnostiziert.

Doch um auf die Ausgangsfrage zu kommen: Ja, so lange Eltern, Lehrer, Erzieher, aber vor allem die Betroffenen unter den genannten Indikationen leiden, ist etwas nicht in Ordnung.

„ADHS – dafür brauche ich nicht zum Arzt.“

Doch. Bitte unbedingt. Wenn Sie die Vermutung haben, dass Ihr Kind ADS hat, dann wenden Sie sich bitte an Ihren Kinderarzt. Er wird Sie dann zu eine/r qualifizierte/n Kinder- und Jugendpsycholog/in überweisen. Um eine Diagnose stellen zu können, sind aufwendige Tests notwendig.

„Früher gab es (auch) kein AD(H)S.“

Doch, sehr wahrscheinlich schon. Aber ADHS wurde nicht diagnostiziert oder behandelt. Selbst bei Senioren kann ADHS nachgewiesen werden. Ich glaube, dass es zwei Hauptgründe gibt, warum ADHS heute eine größere Bedeutung hat:

1) Gesellschaft und Medizin sind aufmerksamer und kritischer, wenn Kinder aus welchen Gründen auch immer, aus dem Rahmen fallen. Siehe „Ach Dein Kind läuft noch nicht?“. So werden Defizite früher entdeckt.

2) Eltern sind auch gewissenhafter im Umgang mit ihren Kindern. Sind engagierter um deren Wohlbefinden bemüht und möchten das Bestmögliche tun, damit es ihren Kindern gut geht.

„ADHS ist klar zu erkennen.“

Mit meiner Erfahrung in der Ergotherapie kann ich behaupten, jeder Mensch ist einzigartig, jeder ADHSler ist einzigartig. Es gibt einige Grundindikationen, aber wie bei allem im Leben, gibt es zwischen Schwarz und Weiß unzählige Grauschattierungen.

„ADHS Kinder werden systematisch unter Drogen gesetzt.“

Wir sind uns einig: Medikamente, egal welche, bringen immer Nebenwirkungen mit sich. Das im Ritalin enthaltene Methylphenidat ist ein Stimulanzmittel mit starker Wirkung auf die mentalen und motorischen Aktivitäten. Es hat zahlreiche Nebenwirkungen, u.a. Appetitverlust.

Es geht in der Therapie immer darum, die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern.

Es gib Kinder, die ohne Medikamente sehr gut zurechtkommen, und mit Hilfe von alternativen ADHS-Therapien, wie Neurofeedback eine deutliche Verbesserung der Symptomen erreichen. Es gibt aber auch Kinder, deren ADS-Symptome sind so stark, dass mit der Gabe von Ritalin eine Verbesserung ihrer Lebensqualität einhergeht. Die Behandlung mit Medikamenten ist umstritten und wird auch umstritten bleiben, weil die Langzeitwirkungen zum Teil nicht erforscht sind. Wichtig ist, dass die medikamentöse Behandlung sorgfältig von einem Facharzt begleitet wird

Ich empfehle Betroffenen (Erwachsenen, Kindern und Eltern) sich ausführlich mit der Diagnose auseinander zu setzen, sich von fachkundigen Ärzten beraten zu lassen und sich über mögliche alternative Therapien zu informieren.

„Alles Humbug, letztendlich ist es eine Krankheit, die nur medikamentös behandelt werden kann.“

Es gibt immer mehrere Weg nach Rom. Aber manche sind länger und anstrengender. Und manchmal steht man auch in einer Sackgasse. Wie bereits oben beschrieben, die Gabe von Ritalin ist nicht der Weisheit letzter Schluss. Nutzen und Nebenwirkungen sollten Sie sorgsam abwägen.

Es gibt zahlreiche alternative Therapien, wie z.B. Neurofeedback. Aber nicht für jeden ist jede Therapie gleichermaßen geeignet. Die Behandlung von ADHS durch Neurofeedback ist auch noch nach so vielen Jahren der Forschung und Anwendung nicht „allgemein“ bekannt. Doch inzwischen ist sie z.B. als Theapieform fest in der Ergotherapie verankert und wird von den Krankenkassen bei entsprechender Diagnose übernommen. Lassen Sie sich bitte von Ihrer/m behandelndem Arzt/in beraten.

„ADHS? Schuld haben die Eltern / die Schule….!“

Bei gesundheitlichen Einschränkungen gibt es keine Schuldfrage. Auch nicht bei ADHS. Doch können die Betroffenen durch Abläufe in der Familie oder bestimmte Regeln in der Schule besser mit ihrer Situation zurecht kommen. ADHS ist keine Frage der Herkunft. Die Symptome kommen bei Kinder aus Akademikerhaushalten ebenso vor, wie bei Kindern aus anderen Milieus.

Auch die Schule hat keine Schuld. Doch ein leistungsorientiertes Bildungssystem ist sicher für die meisten betroffenen ADHSler nicht förderlich.

„Bei ADHS kann man nichts tun.“

Im Gegenteil bei ADHS kann man meiner Ansicht nach sehr viel tun.

Ein wichtiger Aspekt meiner Arbeit ist die Elternarbeit und die Arbeit in der Schule. Wenn ein Kind ADHS hat, ist es wirklich ratsam, sich das Umfeld anzuschauen. Wie wächst das Kind auf? Wie wird in der Familie kommuniziert? Wie ist der Erziehungsstil? Ebenso wichtig ist die Arbeit der Schule. Wie kompetent sind die Lehrer? Wie viele Schüler sitzen in der Klasse usw.

Außerdem gibt es zahlreiche andere alternative Wege bei ADHS, die ich in einem anderen Artikel vorstelle.

„AD(H)S wächst sich aus.“

Da ist in der Tat etwas Wahres dran. Zwar ist nach den aktuellen Erkenntnissen der Forschung ADHS nicht heilbar, aber in der Tat gibt es Hinweise, dass einige Betroffene mit zunehmenden Lebensalter weniger Symptome haben und auch insgesamt besser mit der Situation zurechtkommen. Allerdings gibt es auch Menschen, die ihr ganzes Leben lang, durch AD(H)S mit Einschränkungen leben müssen.

Für ADHS fehlt das Verständnis bei Familie, Bekannten und Lehrern.

Auch das ist nicht ganz von der Hand zu weisen. In der Regel sehen sich Betroffene Familien zwischen zwei Extremen. Die einen sagen: „AD(H)S gibt es nicht, stell Dich nicht so an.“ Die anderen sagen: „ADHS ist ein Krankheit. Du bist krank. Du musst (mit Medikamenten) behandelt werden.“

Insbesondere bei Lehrern werden nicht ausreichend über ADHS informiert.

Letztendlich besteht immer dann Handlungsbedarf, wenn ein Kind mit den Anforderungen nicht zurecht kommt und unter den Symptomen leidet.

Wenn Sie Fragen zu den Behandlungsmöglichkeiten bei AD(H)S haben, freuen wir uns über Ihren Anruf.